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Die Grauzonen der Abseitsregel

Montag, 22. August 2011

Die Grauzonen der Abseitsregel

Abseits ist, wenn der Schiedsrichter …? Nunja, wenn er pfeift, dann sicher. Aber ganz so einfach ist die Sache dann auch wieder nicht. Denn in der Praxis wird aber kaum über eine andere Regelfrage so hitzig diskutiert, wie über vermeintlich richtige oder falsche Abseitsentscheidungen.

 

So auch nach der letzten Bundesligarunde: 1:0 stand es für Wacker Innsbruck – da trafen die Tiroler zum zweiten Mal. Julius Perstaller brachte eine Flanke zur Mitte, dort warteten Marco Köfler und Miran Burgi?. Ersterer stand im Abseits, der Slowene aber nicht. Burgic versuchte den Ball im Rutschen auf das Tor zu bringen, stoppte die Kugel aber nur ungewollt. Köfler nahm die "Vorlage" an und schob locker ein. Der Jubel wurde aber sofort unterbrochen, Schiedsrichter Thomas Prammer entschied nach dem Fahnenzeichen seines Assistenten auf Abseits.

 

Eine falsche Entscheidung? Laut der Nachbetrachtung des Referees ja. Für viele Fußballfans schwer nachzuvollziehen, stand doch Köfler im Abseits. Nun, das schon, aber seine Abseitsstellung wäre nicht zu ahnden gewesen. Zur Interpretation der Szene hilft das Regelbuch der FIFA herzlich wenig. Denn klar ist die Abseitsregel mittlerweile nicht mehr – oder besser: sie war es nie. Denn das sogenannte "passive Abseits" wurde mehr und mehr beschnitten. Im "Gesetzesbuch" der Schiedsrichter lautet der aktuelle Regel-Text folgendermaßen:

Ein Spieler wird nur dann für seine Abseitsstellung bestraft, wenn er nach Ansicht des Schiedsrichters zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler berührt oder gespielt wird, aktiv am Spiel teilnimmt, indem er

ins Spiel eingreift,

einen Gegner beeinflusst,

aus seiner Position einen Vorteil zieht.

 

Für das oben genannte Beispiel mit Köfler heißt das Folgendes: Bei der Flanke von Perstaller griff er nicht ein, zog auch keinen Vorteil aus seiner Position, da er weder Lattenschuss oder Abpraller verwertete. Beim – ungewollten – Zuspiel von Burgic stand er dann nicht im Abseits. Denn diese Szene ist nun als „neue Spielsituation“ zu werten und somit lag keine strafbare Abseitsstellung vor.

 

Bei der Definition, was nun eine "neue Spielsituationen" sei, lässt uns die FIFA in Dummheit sterben. Erläuterungen gibt es nur für Szenen, die keine neuen Spielsituationen sind – wenn der Ball vom Gegenspieler oder Latte bzw. Pfosten abprallt und dadurch der Spieler aus seiner Abseitsstellung einen Vorteil zieht.

 

Eine große Hilfestellung ist diese Erläuterung für den Schiedsrichter nicht, muss er doch feststellen, ob der Ball bewusst vom Gegenspieler gespielt wurde - also ein kontrolliertes Abspiel vorlag, bei dem der Ball trotzdem zur gegnerischen Mannschaft gelangte. So wie bei Sturm Graz gegen Mattersburg in Runde 31 der Vorsaison: Der vom Verteidiger abgefälschte Ball wurde vom Schiedsrichter als aktives "Spielen" interpretiert und somit kein Abseits gegeben. Vergleichbar ist diese Situation mit einem Handspiel: Auch hier müssen die Unparteiischen eine mögliche Absicht beurteilen.

 

Das bestätigt auch der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Fritz Stuchlik gegenüber wahretabelle.at: „Die Abseitsregel lässt viel Interpretationsspielraum zu.“ Beim Tor von Köfler lag der Fehler des Assistenten laut Stuchlik woanders: "Der Assistent hätte zuwarten müssen", so Stuchlik. Denn wer zu früh die Fahne hebt, sieht nicht mehr, wie sich die Situation entwickelt. Allerdings läuft der Assistent Gefahr, Ziel von wütenden Spielerprotesten zu werden, hebt er erst nach dem vermeintlichen Torerfolg die Fahne.

 

Dennoch setzt hier die FIFA an und versucht, Abseitsstellungen eher zu Gunsten der angreifenden Mannschaft auszulegen und die Assistenten zu einem möglichst späten Fahnenzeichen anzuleiten. Und dieser Weg dürfte auch erfolgreich sein. Denn trotz immer versierter spielenden Abwehrketten und Abseitsfallen sinken die von Assistenten angezeigten Abseitsstellungen kontinuierlich. Wer zu früh die Fahne hebt, hat oftmals schon verloren.
 

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